JANINE VOM OLIVENBAUM – KRITIK UND VORURTEIL

Janine vom Olivenbaum – Kritik und Vorurteil

Sowohl Comedians als auch Künstler aus anderen Bereichen der Unterhaltung kennen es sehr gut: wenn stabiles Material auf einmal nicht mehr funktioniert oder plötzlich den Zuschauer nicht mehr so erreicht wie gewohnt. Danach stellt sich der Künstler oft die Schuldfrage: Woran hat es gelegen? Ist mein sicheres Material jetzt doch nicht so gut, wie ich immer dachte? Hat vielleicht der Moderator kein gutes Warm-Up geleistet oder konnte ich den Geschmack des Publikums nicht treffen?

Es gibt verschiedene Wege, auf einen qualitativ schlechten Auftritt zu reagieren…

 

Die Unzufriedenheit mit sich selbst, die in Frust und Selbstzweifel ausartet

Man redet sich einfach ein, dass man total furchtbar ist und kann kaum noch rational denken. In dieses Gefühl steigert man sich so dermaßen rein, dass man gar nicht merkt, dass man damit seiner eigenen Kreativität und Motivation nur schadet und seinem Fortgang als Künstler nur Steine in den Weg legt. Irgendwann entfernt man sich sogar von dem Kernproblem (dem schlechten Auftritt) und versinkt in Selbstmitleid, was ebenfalls kontraproduktiv für die Lösungsfindung des Problems ist, da man sich ja inzwischen gar nicht mehr Gedanken darüber macht, wie man besser wird und warum man denn so schlecht war, sondern man völlig trotzig in der Ecke sitzt und kurz überlegt, ob Aufhören nicht eine akzeptable Option wäre. Kurz: man übertreibt maßlos. Kein besonders hilfreicher Weg, auf einen schlechten Auftritt zu reagieren, oder?

 

Man analysiert den „Problem-Auftritt“ und vergleicht ihn mit besseren Auftritten

Die meisten Comedians nehmen ihre Auftritte im Audio- oder Videoformat auf, was sich immer wieder als unglaublich sinnbringend erweist. So kann man sich ganz einfach den „Problem-Auftritt“ noch einmal anschauen (Jap…Scheißgefühl, da muss man aber durch. Es fühlt sich an, als würde man das eigene Ego anzünden und dabei zusehen, wie es ganz langsam verbrennt. Einfach herrlich!). Oft fällt einem das eine oder andere Detail aus der Aufnahme ins Auge. Hier ein paar Beispiele:

 

  • „Oh Gott, wie stehe ich denn da? Wie ein Schluck Wasser! Und warum gucke ich die ganze Zeit in die Luft?“
  • „Fuck. Wieder zu schnell geredet und nicht auf das Timing geachtet.“
  • „Ach du Scheiße. Ich hab das Ganze ja total lustlos runtergerattert! Upps…“
  • „Mein Anfang ist ja beschissen. Ich habe wirklich überheblich gewirkt und die Leute fanden mich nicht sympathisch. Kein Wunder!“

 

Rein theoretisch ist das die beste Art und Weise, auf einen „Problem-Auftritt“ zu reagieren, denn man beschäftigt sich intensiv mit der Lösungsfindung und „schaut dem Teufel nochmal ins Auge“. Sehr häufig stellt man sogar fest, dass man doch gar nicht sooo schlecht war und hört viel mehr Lacher auf der Aufnahme. Cool, oder?

 

Man gibt einfach Anderen die Schuld und sucht Ausreden

Aus Gründen des Selbstschutzes oder einfach nur um es sich leicht zu machen, tendieren einige Comedians (oftmals die Erfahrenen) dazu, sich den katastrophalen Auftritt schönzureden. Logisch: so macht man sich weniger Gedanken, ist nicht enttäuscht von seiner Leistung und andere Faktoren sind Schuld an der Misere. Beispiele:

 

  • „Boah, was für ‘n beschissenes Publikum, die hatten ja gar keinen Bock auf Comedy“
  • „Wenn der Moderator seinen Job besser gemacht hätte, hätten die Leute auch über meine Jokes gelacht“ (Hä? Sinn?)
  • „Normalerweise spiel ich in ausverkauften Hallen. Die Zuschauer haben ja keine Ahnung von guter Comedy. Eigentlich bin ich ja supergut. Nicht so wild.“
  • „Das Licht war zu hell und das hat mich voll rausgebracht. Wenn das nicht so gewesen wäre, hätte ich besser performt und die Leute hätten gelacht“

 

Na? Habt ihr was gemerkt? Klingt alles ziemlich unprofessionell und zickig und serviert einem nicht gerade die Lösung für das Problem auf einem Silbertablett. Im Gegenteil: Wer immer so mit einem „Problem-Auftritt“ umgeht, wird mit der Zeit nur mehr von denen haben.

 

Die Kollegen um Ratschläge bitten

(Jetzt kommen wir zum wirklich interessanten Teil!)

Viele suchen direkt nach einem „Problem-Auftritt“ das offene Ohr bei Kollegen (speziell bei Kollegen, die schon länger auf der Bühne stehen als man selbst) und nehmen hierbei gerne Ratschläge an. Durchaus sind die meisten Ratschläge hilfreich und man kann guten Gewissens in Erwägung ziehen, sie beim nächsten Auftritt umzusetzen (z. B. „Versuch mal, vor der Punchline eine Pause zu machen“ oder „Als der Typ aus dem Publikum reingerufen hat, hättest du was cooles kontern können. Probier das Mal“). Trotzdem gibt es immer wieder Ratschläge, die in der Formulierung eher an „persönliche Meinungen“ oder Behauptungen erinnern:

 

  • „Das war wirklich ziemlich schlecht. Guck dir mal das Special von dem Comedian XYZ an. Der ist sooo lustig, von dem lernst du definitiv etwas. Vielleicht wirst du dann auch selbst lustiger.“(Sicher. Schließlich wurde bereits wissenschaftlich erwiesen, dass man selbst viel lustiger wird, wenn man sich absolute Vollprofis anschaut. Natürlich nicht. Das ist Quatsch. Man kann sich diese Sachen angucken und vielleicht etwas „für sich mitnehmen“, aber LUSTIGER wird man dadurch nicht. Eventuell wird man fließender und sicherer, aber wenn die eigenen Jokes schlecht konzipiert sind, bringen auch diese „Accessoires“ einem nicht viel).
  • „Du hast gar keine Punchlines gehabt. Ohne die bist du nicht lustig.“ (Sorry, aber das ist GELOGEN! Es gibt sehr viele Comedians, die durch bloßes schauspielerisches und erzählerisches Talent unglaublich witzig sind).
  • „Mach mal dies-und-das. Und lass dies-und-jenes weg. Das war scheiße.“ (Aha. Gibt es auch eine Garantie darauf, dass das klappt?).
  • „Du hast die ganze Zeit nur versucht, zu schocken oder zu provozieren. Da war ja gar kein intelligenter Inhalt. Warum tust du das, ich verstehe nicht wieso du so bist? Mach mal mehr so Sachen, zu denen jeder Mensch Bezug hat.“ (Wieso? Man kann doch das am besten rüberbringen, wozu man selbst einen guten Bezug hat, oder?).

…und jetzt der Klassiker, den besonders Frauen oft hören:

  • „Also ich finde ja Frauen allgemein nicht so witzig. Deswegen kann ich dir da nix zu sagen!“ (ACHSO! Es sind also die Eierstöcke Schuld. Sorry.)

 

Selbstverständlich sollte man bei einem „Problem-Auftritt“ auch ab und zu mal die Ratschläge der Kollegen beherzigen. Häufig erhält man aber nicht nur Ratschläge, sondern auch anderen Beifang.

Viele Comedians haben nach wie vor Schwierigkeiten, zwischen Ratschlägen und Meinungen/Behauptungen zu differenzieren, was dazu führt, dass man die falschen Dinge in die Tat umsetzt und dann ewig lange immer schön in die falsche Richtung wandert und man sich unmerklich von seinem eigenen Stil entfernt. Eventuell werden dann sogar die Auftritte noch schlechter und man verliert den Spaß bei der Sache. Deswegen sollte man an den Baustellen seines Sets arbeiten, hier und da einen ernst gemeinten Ratschlag eines Kollegen berücksichtigen und sich vor allen Dingen nicht durch dummes Geschwätz demotivieren und aufhalten lassen. Also: bei den Ratschlägen immer ganz genau hinhören und kurz überlegen „Hilft mir das möglicherweise weiter oder ist das einfach nur ein altkluger Kommentar mit spöttischem Unterton?“.

Besonders vorsichtig sollte man bei unaufgeforderten Mitteilungen der Kollegen sein. Wenn nach einem „Problem-Auftritt“ ein Kollege quasi zu einem kommt, um einen auf bestimmte Art und Weise zu kritisieren, dann kann man sich das durchaus anhören. Trotzdem sind das häufig die Äußerungen der Sorte „Mich hat zwar keiner gefragt, aber ich muss dir jetzt unbedingt mitteilen, dass das kein guter Auftritt war und du noch eine Menge an dir arbeiten musst“ (Vielen Dank Champ, das weiß ich selber!). Eher selten hört man unaufgefordert von einem Kollegen konstruktive Kritik, wie z. B. „Darf ich etwas dazu sagen? Mir ist aufgefallen, dass du einen ziemlich derben Anfang hattest. Vielleicht hast du auch nur eine falsche Joke-Order. Probiere mal, die etwas schmutzigeren Gags als letztes zu bringen und mit etwas leichter Kost anzufangen, sonst fällst du ja direkt mit der Tür ins Haus!“.

 

Im Endeffekt geht jeder Comedian anders mit Kritik/ Ratschlägen oder dummen Kommentaren um. Selbst wenn man mal eine unverschämte Bemerkung zu hören bekommt, sollte man sich selbst daran erinnern, sich nicht alles zu sehr zu Herzen zu nehmen.

 

Zusatz zu Punkt 4.

Insgesamt kann man sich gut auf das 4-Ohren-Kommunikationsmodell von Schulz von Thun beziehen, welches ebenfalls verdeutlicht, dass das Gesagte auch auf verschiedene Weisen verstanden werden kann (Sachebene, Selbstoffenbarung, Beziehungsebene, Appell). Viele Äußerungen bekommt man manchmal „in den falschen Hals“. Sollte die Äußerung eines Kollegen einen stutzig machen, fragt man also lieber nochmal nach: „Moment Mal, wolltest du damit ausdrücken, dass…..?“. Meist stellt sich dann heraus, dass derjenige sich vielleicht unglücklich ausgedrückt hat und ursprünglich etwas völlig anderes meinte. (Falsch Verstandenes führt zu Missverständnissen und wenn man diese nicht hinterfragt, führt das zu Beef. Will ja keiner!).

 

Nichtsdestotrotz gibt es Meinungsäußerungen von Kollegen, die tatsächlich einfach nur beschämend sind und die man UNBEDINGT überhören sollte, wie z. B:

 

  • „Wow. Das ist das Schlechteste, was ich jemals gesehen habe. Das war so unlustig, dass es schon wieder lustig ist. Comedy kannst du auf jeden Fall nicht, aber mach dir nix draus, du kannst bestimmt irgendwas anderes total gut. Hoffe ich für dich jedenfalls.“

 

Denn bei diesem Beispielsatz handelt es sich DEFINITIV weder um Kritik, noch um einen Ratschlag, sondern schlichtweg um Mobbing! Glücklicherweise hört man solche Sätze nicht allzu oft.

 

Schlusswort: Bei all den Krisen, die man als Comedian auf seinem „Weg nach oben“ durchlebt, sollte eines niemals fehlen: SPAß! Denn genau darum geht es bei Stand-Up. Wenn es einem keinen Spaß mehr macht und nur noch zur Belastung wird, sollte man sich entweder eine längere Auszeit gönnen oder vielleicht vorübergehend die Branche wechseln. Beispielsweise kann Poetry Slam ein gutes Ventil zum Abbau von Stress und negativen Gedanken sein oder auch Musik, durch die man bekanntlich ebenso bestimmte Gefühle zum Ausdruck bringt. Abschließend möchte ich hinzufügen, dass maßgebend für Spaß an der Comedy auch der gute Draht zu Kollegen ist und ebenso der Respekt untereinander. Wenn dieser gänzlich fehlt, wird man immer wiederkehrende Probleme innerhalb der Szene haben.

Wer Jokes klaut, ist ein unkreatives, respektloses Arschloch!

 

 

 

Autorin: Janine vom Olivenbaum 

 

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